STAYING WITH THE TROUBLE?!

Real World Simulator asks me if I should Stay With The Trouble?!

In einer zunehmend digitalisierten Welt, die durch eine Verdichtung globaler Krisen und Konflikte geprägt ist, stellt sich die Frage, inwieweit Individuen sich diesen Realitäten entziehen können oder dürfen, um ihr eigenes psychisches Wohlbefinden zu schützen. Insbesondere soziale Medien wie TikTok und Instagram konfrontieren Nutzer*innen in schneller Abfolge mit widersprüchlichen Inhalten: Berichte über Kriege, Gewaltverbrechen oder Femiziden stehen unmittelbar neben ästhetisierten Darstellungen von Selfcare und Konsum. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt eine spezifische Form medialer Dissonanz, in der gewaltvolle und menschenrechtsverletzende Ereignisse neben trivialisierten oder oberflächlichen Beauty und Lifestyle Inhalten erscheinen.

Die daraus resultierende mediale Überforderung verweist auf einen Wandel im Umgang mit Nachrichten: Die permanente Verfügbarkeit von Informationen führt zu einer Form der Desensibilisierung und Ermüdung. Nutzer*innen tendieren dazu, belastende Inhalte zu überspringen oder aktiv auszublenden, um die eigene emotionale Stabilität zu bewahren. Praktiken wie das bewusste „Abschalten“ beim Konsum sozialer Medien können dabei als individuelle Bewältigungsstrategien verstanden werden, stehen jedoch zugleich in einem Spannungsverhältnis zur ethischen Verantwortung gegenüber globalen Ereignissen und Krisen.

Zugleich ist die Möglichkeit, sich diesen Inhalten vollständig zu entziehen und soziale Medien unbeschwert zu konsumieren, ungleich verteilt. Eine solche Distanzierung setzt ein hohes Maß an sozialen und politischen Privilegien voraus. Viele Menschen sind hingegen entweder unmittelbar von den dargestellten Krisen betroffen oder sehen sich regelmäßig mit eigenen Diskriminierungs- und Unterdrückungserfahrungen konfrontiert, die durch mediale Inhalte verstärkt oder reproduziert werden.

Vor diesem Hintergrund lässt sich festhalten, dass der Schutz des individuellen Wohlbefindens und der mentalen Gesundheit zweifellos legitim ist. Eine vollständige Abwendung von globalen Missständen und deren medialer Repräsentation kann jedoch nicht als nachhaltige oder verantwortungsvolle Lösung gelten. Vielmehr offenbart sich hier ein grundlegender Widerspruch gegenwärtiger Medienkulturen, den diese Website sichtbar machen und kritisch reflektieren soll.

Why We Should Stay With The Trouble!

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Berichterstattung traditioneller Medien
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Medien berichten weit häufiger über Gewalt-Delikte von Ausländern, als es ihrem tatsächlichen Anteil in der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik entspricht. Das zeigen mehrere Studien des Medienforschers Thomas Hestermann (2023, 2022 und 2019).

Die Zahlen aus 2023 zeigen bei Gewalt-Delikten:

  • In rund einem Drittel der Berichte wird die Herkunft des/der Tatverdächtigen genannt.

  • In den Berichten, die die Herkunft nennen, werden Ausländer weit überproportional oft benannt: In Fernsehberichten in 84,2 Prozent und in Zeitungsberichten in 82 Prozent der Fälle, obwohl ihr tatsächlicher Anteil an Straftaten in der Polizeilichen Kriminalstatistik nur rund einem Drittel entspricht.

  • Deutsche Tatverdächtige werden hingegen unterproportional dargestellt: Ihr Anteil an Gewalt-Delikten beträgt in Fernsehberichten, die die Herkunft benennen, 15,8 Prozent, in Zeitungsberichten 18,0 Prozent – in der Polizeilichen Kriminalstatistik hingegen 66,7 Prozent.

Diese Zahlen sind beispielhaft für eine an vielen Stellen intransparente Berichterstattung traditioneller Medien. Neue Medien geben die Chance, diese Lücke füllen zu können, da sie eine hohe Menge an Informationen frei zur Verfügung stellen und Individuen so die Chance haben, sich unabhängig zu informieren. Vorraussetzung für die Nutzung Neuer Medien und die Informationsbereitstsellung im digitalen Raum, ist ein sehr hohes Maß an Medienkompetenz und die Fähigkeit, Inhalte in ihrer Legitimität zu unterscheiden. Eine frühe mediale Bildung in Schulen ist für die Einordnung und kritische Bewertung von netzbasierten Informationen unumgänglich. Sie kann frühe Radikalsierungen vorbeugen und ist notwenig für Demokratie im Internet.

Vgl. https://mediendienst-integration.de/kriminalitaet/kriminalitaet-in-den-medien/berichten-medien-oefter-ueber-straftaten-von-auslaendern-als-von-deutschen/

Vgl. Monika Oberle: Medienkompetenz als Herausforderung für die politische Bildung. Bundeszentrale für politische Bildung. 2017. https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/medienkompetenz-schriftenreihe/257615/medienkompetenz-als-herausforderung-fuer-die-politische-bildung/

Fast jeden Tag ein Femizid
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Im Jahr 2024 sind laut Bundeskriminalamt 132 Frauen in Deutschland durch ihren (Ex-) Partner getötet worden. Das BKA weist darauf hin, dass eine bundeseinheitliche Definition vom Femizid fehlt. Zudem werden die jeweiligen Tatmotive nicht in der Statistik erfasst. Fast 188.000 Frauen haben häusliche Gewalt erfahren und rund 54.000 Frauen eine Sexualstraftat. Auch trans*Frauen sind davon betroffen, werden in den Kriminalstatistiken aber oft nicht berücksichtigt.

Untersuchungen zur Medienberichterstattung über das Thema zeigen jedoch, dass Gewalt gegen Frauen als individuelles Problem dargestellt wird. Oftmals wird dabei (direkt oder indirekt) die Wurzel des Problems in der Paarbeziehung verortet (z.B. Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit oder toxische Beziehungsmuster). Eine solche individualistische Sichtweise isoliert einzelne Vorfälle voneinander, indem sie sich nur auf die Fakten des jeweiligen Falles konzentriert und diese nicht in einen größeren strukturellen Kontext einordnet. Folglich werden Gewalttaten als singuläre Ereignisse und nicht als Teil größerer Muster und Strukturen gesehen.”

Traditionelle Medien (Fernseh- und Zeitungsberichterstattung) scheitern immer wieder daran, Femizide als strukturelles Problem einzuordnen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2019 zeigte, dass in nur rund einem Prozent der Artikel das Wort Femizid” verwendet wurde. Neue Medien können hier als Chance gesehen werden, um auf Femizide als strukturelles Problem aufmerksam zu machen. Instagram Seiten wie @Femizide_stoppen, die mit rund 160 Tsd. Followern eine sehr hohe Reichweite aufweisen, nehmen sich diesem Problem an und Sorgen für eine Umpolung vor allem innerhalb einer jungen Generation, die sich vermehrt neuen Medien als Plattform für Informationsbeschaffung bedient.

Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung: Femizide und Gewalt gegen Frauen. 07.11.2015. https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/

Vgl. Christine Meltzer: Die Darstellung von Gewalt gegen Frauen in den Medien. Bundeszentrale für politische Bildung. 2022. https://www.bpb.de/themen/gender-diversitaet/femizide-und-gewalt-gegen-frauen/515609/die-darstellung-von-gewalt-gegen-frauen-in-den-medien/

"Ich wurde digital vergewaltigt."
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Der Fall Collien Fernandes schlug Wellen auf Social Media und erschütterte uns alle nachhaltig. Nachdem sie Ihre Geschichte via Instagram öffentlich machte, wurden feministische Beiträge, Videos und Stories tausendfach geteilt. Die über Social Media generierte Solidarisierung mit Collien Fernandes, ist nicht nur für Fernandes persönlich von Bedeutung, sondern besitzt auch eine weiterreichende Relevanz für eine feministische, digital vernetzte Öffentlichkeit.

Insbesondere die daraus hervorgegangene Mobilisierung kollektiver Akteur*innen, die Organisation von Protesten und Demonstrationen sowie die Forderungen nach stärkerem Schutz vor männlicher Gewalt und digital sexualisierter Gewalt verdeutlichen das politische Potenzial sozialer Medien. Darüber hinaus zeigt der Umstand, dass ihre Geschichte eine breite gesellschaftliche Öffentlichkeit erreichen konnte, dass diese Form der Sichtbarmachung und Vernetzung ohne die infrastrukturellen Bedingungen sozialer Medien in dieser Intensität vermutlich nicht möglich gewesen wäre.

Vgl. https://www.instagram.com/frau_fernandes/

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Politische Partizipation

„Die Art und Häufigkeit, wie Menschen digitale Medien in ihrem Alltag nutzen, hat Auswirkungen in Bezug auf ihr Informationsverhalten, ihre Wahrnehmung und ihre Kommunikationsweisen. Mit den sogenannten „Neuen“ Medien hat sich eine öffentliche, halböffentliche und private Sphäre eröffnet, in der sich die Weitergabe politischer Informationen, Meinungsaustausch und Meinungsbildung vollzieht, in der politische Aktivierung möglich ist und sich politische Entscheidungen vorbereiten, in der doziert, indoktriniert und gelernt wird. Über digitale Medien wird nicht nur rezipiert, sondern Rezipient*innen oder Konsument*innen können zu Produzierenden werden, zu „Prosumern“, die selbst und direkt „mitmischen“. Politische Bildner*innen, ob in der Schule oder im außerschulischen Bereich, haben längst die Erfahrung gemacht, dass sich damit auch die politische Bildung verändern muss.”

Vgl. Politische Bildung und Neue Medien. Transferstelle politische Bildung. Essen 2015.